Helen Tursten: Schneenacht

Jeder der mich kennt, weiß, dass ich eine Schwäche für skandinavische Krimis habe. Dementsprechend viele habe ich bisher gelesen. Von Adler Olsen über Camilla Läckberg bis hin zu Haken Nesser und sämtlichen isländischen Autoren war alles dabei. Nun bin ich auf die Autorin Helen Tursen gestoßen und kam nicht an ihr vorbei. Ich habe mit dem dritten Teil ihrer Embla-Nyström-Reihe begonnen.

Inhalt:

Kriminalinspektorin Embla Nyström verbringt den Winter im ländlichen Dalsland auf dem Hof ihres Onkels. Eines Morgens wird sie zu einem spektakulären Mordfall gerufen. In einer Hütte im Wald liegt ein Toter mit Einschüssen in Kopf und Brustkorb. Embla erkennt den Mann sofort. Es ist einer der mutmaßlichen Entführer ihrer besten Freundin Lollo, die vor gut vierzehn Jahren spurlos verschwand und nie wieder auftauchte. Alte, schmerzhafte Erinnerungen werden wach und Embla beginnt zu ermitteln. Doch ein nächtlicher Schneesturm verwischt alle Spuren …

Mein Eindruck:
Grundsätzlich mag ich es sehr, wenn Frauen als Ermittlerinnen auftreten, auch wenn Embla nicht die typische Frau ist. Sie ist hart im Nehmen, robust und nicht immer gut gelaunt, im Gegenteil. Doch ihre klare, nüchterne Art ist für die Lösung der Fälle von Vorteil. Doch gleichzeitig ist sie sehr tapfer und intelligent. Schon nach wenigen Seiten ermittelt sie in einem Mordfall, den ich als sehr grausam empfunden habe. Doch die eigentliche Handlung betrifft das Verschwinden ihrer besten Freundin Lollo. Zunächst erfährt man nicht viel über die Freundschaft der beiden, doch im Laufe der Handlung tun sich interessante Abgründe auf. Nach ca. einem Drittel des Buches wird es so spannend, dass man es kaum noch aus der Hand legen möchte. Die Auflösung am Schluss kommt mehr als überraschend. Dass ich die bisherigen Bände nicht kannte hat sich nicht auf das Verständnis der Handlung ausgewirkt. Man muss nicht zwangsläufig mit dem ersten Teil der Reihe beginnen.

Fazit:
Ein typischer Skandinavienkrimi, der von einer ruhigen aber bedrohlichen Atmosphäre lebt. Eine Ermittlerin, die sich von den typischen Ermittlern absetzt, rundet das ganze ab. An manchen Stellen wurde mir zu viel Polizeiarbeit geschildert, allerdings ist das ja bei einem Krimi zu erwarten und auch Geschmackssache.

Kazuo Ishiguro: Klara und die Sonne

Endlich habe auch ich es geschafft einen Roman des Nobelpreisträgers zu lesen. Tatsächlich liegt die Lektüre schon einige Zeit zurück, allerdings wirkt das Buch noch immer nach.

Inhalt:

Klara ist eine künstliche Intelligenz, entwickelt, um Jugendlichen eine Gefährtin zu sein auf dem Weg ins Erwachsenwerden. Vom Schaufenster eines Spielzeuggeschäfts aus beobachtet sie genau, was draußen vor sich geht, studiert das Verhalten der Kundinnen und Kunden und hofft, bald von einem jungen Menschen als neue Freundin ausgewählt zu werden. Als sich ihr Wunsch endlich erfüllt und ein Mädchen sie mit nach Hause nimmt, muss sie jedoch bald feststellen, dass sie auf die Versprechen von Menschen nicht allzu viel geben sollte.

Mein Eindruck:

Zu Beginn des Romans erleben wir aus der Perspektive von Klara, einem hochentwickelten KI-Roboter die Welt. Sie befindet sich noch mit anderen KIs in einem Geschäft, wo man sie Kunden präsentiert. Sie beobachtet aufmerksam die Ereignisse draußen durch das Schaufenster. Das wirkte auf mich als Leserin zunächst einmal gewöhnungsbedürftig, da sie manches, was sie sieht, ungewöhnlich reduzierend bezeichnet, z.B. eine „Hundeleinenfrau“. Doch schnell gewöhnt man sich daran und vergisst oft, dass es sich um eine KI handelt und nicht um ein menschliches Kind. Als sie plötzlich von einem Kind als künstliche Freundin auserwählt wird, freut sich Klara und baut direkt eine Bindung zu dem Mädchen namens Josie auf. Doch sie wird in ein kompliziertes Netz aus familiären Verwicklungen hineingezogen, bei dem sich zeigt, dass die moralischen Abgründe der Menschen das eigentlich bedenkliche sind, während die KI moralisch gefestigter wirkt. Neben den persönlichen Beziehungen spielen auch die gesellschaftlichen Umstände eine Rolle. Die Gesellschaft ist – vielleicht wurde der Autor von der Coronazeit inspiriert- eine andere als die, die wir kennen. Allerdings erfahren wir nur bruchstückartig darüber, viele Informationen bleiben bis zum Ende offen, was ich schade finde. Es gibt in dieser Gesellschaft verschiedene soziale Schichten und ein Vertreter der „Ausgestoßenen“ ist Rick. Er ist ein interessanter Gegenspieler zu Josie Mutter. Die eigentliche Heldin bleibt jedoch Klara, die paradoxerweise als Stimme der Vernunft auftrittt.

Fazit: Wenn man sich detaillierte Beschreibungen der technischen Ausstattung von KIs wünscht, ist man bei diesem Roman falsch. Er handelt wie alle Romane Ishiguros vom Leben selbst und den Sinnfragen, die es aufwirft. Als Leserin habe auch ich mir existenzielle Fragen gestellt, die von dem Inhalt des Romanes ausgehen, wie z.B. „Dürfen wir Menschen Gott spielen?“ oder „wo sind die Grenzen von KI“. Dieses Buch ist nichts für zwischendurch, da es passagenweise sehr traurig und an anderen Stellen sehr lustig ist. Es hinterlässt einen bleibenden Eindruck. Übrigens wurde es auch im Literarischen Quartett vom 9.04.21 besprochen, zu sehen auf: https://www.zdf.de/kultur/das-literarische-quartett/dorn-zu-ishiguro-ltq-100.html

ARMAND BALTAZAR: TIMELESS RETTER DER VERLORENEN ZEIT

Inhaltsangabe: Die Zeitkollision war eine Katastrophe kosmischen Ausmaßes, die Zeit und Raum aufspaltete und die Erde auseinanderriss. Die Überlebenden kommen aus den unterschiedlichsten Kulturen und Epochen. In dieser neuen Welt lebt Diego Ribera. Doch nicht alle sind an einem friedlichen Zusammenleben in diesem neuen Zeitalter interessiert, und so wird Diegos brillanter Erfinder-Vater entführt. Er soll den Zeitbruch – und somit die letzten 15 Jahre – ungeschehen machen. Diego muss sich auf eine gefährliche Reise begeben, um seinen Vater, seine eigene Existenz und die Zukunft der Welt zu retten …

Mein Eindruck: Ich war unheimlich gespannt darauf, „Timeless“ zu lesen, da ich bereits durch das Cover und die wunderschönen Illustrationen einige Eindrücke gewonnen hatte. Die Idee eines postapokalyptischen Zeitalters reizt mich trotz der Tatsache, dass es mittlerweile zu diesem Thema Literatur wie Sand am Meer gibt, sehr. Zumal ich es spannend fand, wie diese gesellschaftlichen Ereignisse in einem Kinderbuch transportiert werden. Der Erzählstil ist sehr ansprechend und ich kann mir vorstellen, dass er auf Kinder und Jugendliche so spannend wirkt wie auf mich. Interessant fand ich vor allem die Vorstellung von Maschinen und Robotern, die in der Zukunft existieren könnten. Allerdings waren diese Beschreibungen sehr ausführlich und persönlich an manchen Stellen zu ausladend. Ich habe mir viel lieber die bunten Zeichnungen angesehen, die mir geholfen haben, eine bessere Vorstellung zu bekommen. Diese Kombination aus Bildern und Text machen das Buch zu etwas Besonderem. Diego ist eine interessante Hauptfigur, die beim Leser sofort Sympathie weckt. Er ist mutig und tapfer, hat aber trotzdem die Probleme, die alle Jugendlichen in seinem Alter haben und stellt sich die Frage nach der eigenen Identität. Er ist keineswegs glatt, sondern hat auch Ängste und Sorgen.

Mein Fazit: Durch die spannende Erzählweise und die Bilder wird der Leser direkt in die Handlung hineingezogen und kann abtauchen. Die Idee, dass Diego auf dem Hoverboard reist, bringt Originalität in das Setting. Als Protagonist möchte man Diego begleiten und wissen, wie sein Schicksal ausgeht. Es handelt sich zwar um ein Kinderbuch, aber ich muss leider anderen Kritikern zustimmen, dass ich die ein oder andere Szene etwas zu brutal fand. Auch mir hat das Aufgreifen von Themen wie Rassismus oder Multikulturalität gefallen, da man mit diesen in einem Fantasy/Sciefi-Setting zunächst nicht rechnet. Ich denke dieses Buch kann das ideale Geschenk für Jugendliche sein, die das Lesen nicht mögen, da die Bilder eine großartige Unterstützung sind.

Falls ihr Interesse habt, gibt es hier noch einen schönen Trailer für euch, in dem der Autor selbst seine Gedanken zur Story mitteilt!

Jetzt schon ein Lesehighlight 2021: Alem Grabovac: Das achte Kind

„Das achte Kind“ von Alem Grabovac

Über die Plattform Vorablesen.de bin ich auf den neuen Roman von Alem Grabovac gestoßen. Zunächst wirkte dieser zumindest äußerlich sehr schlicht. Doch als ich mir den Klappentext durchlas, war ich sofort begeistert. Ich muss dazu sagen, dass mein Vater selbst in Serbien geboren wurde und in Frankfurt lebt, während der Protagonist halb Bosnier und halb Kroate ist und ebenso in Frankfurt gelebt hat. Ich wollte bei der Lektüre unbedingt mehr über das Leben als Gastarbeiterkind und den damit verbundenen kulturellen Hintergrund erfahren.

Es handelt sich um einen autobiografischen Roman, dessen Ereignisse sich wirklich abgespielt haben. Der Roman ist in 3 Abschnitte unterteilt: Im ersten geht es um Alems Mutter Smilja und ihre Einwanderung nach Deutschland, im zweiten Teil wird Kindheit erzählt und im dritten Teil geht es darum, wie Alem mit seinem Schicksal umgeht. Das gesamte Buch ist aus der Perspektive von Alem erzählt, auch die Handlungsstränge, in denen er noch ein Baby ist und die er nur aus Erzählungen seiner Eltern kennt. Dieses stilistische Mittel war für mich als Leserin zunächst ungewohnt, hatte aber den Effekt, dass ich mich in Alem hineinversetzen konnte. Überhaupt ist der Autor ein großartiger Erzähler, der die Geschichte in allen Facetten erzählen kann. Als Leserin war ich immer wieder hin und hergerissen zwischen Lachen und Weinen, konnte jede Emotion nachfühlen und habe am Ende sogar die eine oder andere Träne vergossen (was mir so gut wie nie bei Büchern passiert). An einigen Stellen musste ich laut auflachen, weil die Dialoge so witzig geschrieben waren. Auch die Idee des ersten multikulturellen Laufstalles (vgl. S.96) fand ich originell und außergewöhnlich.

Doch es handelt sich hier nicht bloß um eine rührselige Geschichte eines Gastarbeiterkindes. Es handelt sich hier, wie vom Maxim Biller auf dem Buchrücken treffend beschrieben, um einen Bildungsroman. Der Autor, der profan gesagt in zwei Welten lebt, stellt diese immer wieder kontrastartig einander gegenüber. Der Leser könnte glauben, Alem sei hin- und hergerissen zwischen diesen beiden Welten, der Autor bricht allerdings mit diesem Klischee. Dieser Roman ist ein Stück über die Identität, wie sie sich konstituiert und in welchen Situationen sie einem „übergestülpt“ wird. Anders als man erwartet passiert dieses Aufzwängen einer Identität nicht nur Alem, sondern nahezu allen Charakteren. Besonders unterhaltsam fand ich es beispielsweise, dass eine ganze Familie als „Die Amis“ bezeichnet wurde, obwohl bloß eines der zahlreichen Mitglieder aus den USA kam. 

Alem selbst scheint trotz dieser Umstände genau zu wissen, wer er sein möchte und was er nicht vertritt. Dies sieht man an den Auseinandersetzungen mit seinem Pflegevater. Allerdings will Grabovac keineswegs nur die eigene positive Entwicklung darstellen. Sein Stiefbruder verkörpert das Gegenteil und scheitert in Deutschland. Am Ende verschärft sich der Kontrast zwischen dem scheinbar idyllischen Schwarzwald und dem von Krieg bedrohten Jugoslawien. 

Fazit: Der Roman erzählt aus der Sicht eines Kindes eindrucksvoll die Erlebnisse in den 1970er bis 1990er Jahren. Ich als Leserin war von Anfang an gefesselt und berührt von diesem Schicksal, da der Autor es mit seinem außerordentlichen Erzähltalent schaffte, dass reale Bilder in meinem Kopf entstehen. Schon jetzt ist dieses Buch ein Lesehighlight des Jahres 2021 und ich möchte fast behaupten, dass jeder es lesen sollte. Ein großartiger Roman, der unter die Haut geht, mich zum Lachen und zum Weinen bringt.

Jonathan Stroud:Lockwood & Co. – das grauenvolle Grab

Mein Eindruck:

Jonathan Strouds Reihe „Lockwood & Co.2“ konnte mich ab dem ersten Band begeistern. Ich hatte das große Glück damals eine Lesung auf der Buchmesse zu sehen und den Autoren höchstpersönlich kennenzulernen. Die Serie besteht insgesamt aus fünf Bänden „Das graunevolle Grab“ ist der letzte Teil der Serie. Anders als bei anderen mehrteiligen Serien bzw. Reihen schafft es Stroud seiner Leser auch in den späteren Bänden noch bei Laune zu halten. Das hat man sicherlich den einprägsamen und sehr lustigen Figuren zu verdanken, die man direkt im ersten Band ins Herz geschlossen hat, allen voran George, Lockwood und Lucy. Das Schöne an dieser Serie ist, dass die Stimmung zwischen Grusel und Witz hin und her wechselt. Stroud, der seinen unvergleichlichen Humor schon in der Bartimäus-Reihe bewiesen hat, weiß einfach, wie man komische Situationen schildert und die Leser und Leserinnen zum Lachen bringt. Hinzu kommt ein sehr flüssiger Schreibstil und eine große Prise Spannung. Während es in den vorigen Teilen um Probleme mit speziellen Geistern geht, ist dieser finale Teil dem Ursprung des Auftauchens derer gewidmet. Er ist quasi das letzte Puzzleteil, das sich zusammenfügt. Und auch wenn es hin und wieder kleine Hinweise auf den Ursprung gab, war ich am Schluss doch überrascht, woher die Geister wirklich kommen. 

Fazit: Auch wenn diese Reihe für Kinder und Jugendliche angelegt ist, kann ich sie auch Erwachsenen wärmstens empfehlen. Beim Erscheinen des ersten Bandes war ich 22 Jahre alt und nun mit 29 finde ich die Reihe noch immer unterhaltsam und lustig. Ein Muss für alle Grusel- und Geisterfans! Spannende Lektüre bis zum Ende.

Francois Lelord: Es war einmal ein blauer Planet

Zum Inhalt und Genre:

Der Autor Francois Lelord, den der ein oder andere Leser bereits aus „Hectors Reise“ kennt, hat mit „Es war einmal ein blauer Planet“ einen Roman geschrieben, der sich in keine Schublade stecken lässt. Er enthält Elemente des Scifi-Genres, bietet eine romantische Liebesgeschichte, lässt sich als aufmerksame Beobachtung indigener Völker und Gemeinschaften lesen und bietet zuletzt Anstoß zu wesentlichen philosophischen Fragen, allen voran der nach dem wahren Glück. Ich habe mich dafür entschieden den Roman zu lesen, da ich es gerade spannend fand, eine Handlung in der Zukunft zu erleben, die nicht ins Science-Fiktion Genre gepresst wurde. Natürlich spart der Autor nicht mit spannenden Details. Man erfährt, dass es eine Gruppe von Menschen gibt, die sich nach einer Apokalypse auf dem Mars angesiedelt haben. Sie haben einige wissenschaftliche Innovationen entwickelt, wie beispielsweise die partielle Aufhaltung des Alterns. Es gibt Tabletten gegen Liebeskummer und eine Desensibilisierung gegen romantische Gefühle. Diese durchaus interessanten und originellen Informationen sind aber eigentlich nur Beiwerk des wesentlichen Inhaltes: Der Figur Robin, die für eine Mission auf die Erde geschickt wird und selbst zunächst nicht weiß, weshalb. Denn Robin gehört zu den Neutren, der minderwertigsten Existenzform auf dem Mars. Seine Freundin Yu ist hingegen hochintelligent, was zu vielen Problemen führt. Schon nach wenigen Kapiteln beginnt Robins Mission und er landet auf der Erde. Was er dort erlebt und wen er trifft, fand ich als Leserin sehr spannend, da es wie eine Gesellschaftsstudie gelesen werden kann.

Mein Eindruck: Es werden elementare Fragen aufgeworfen – teilweise von Robin selbst – , die auch den Leser zum Nachdenken anregen. Da wäre beispielsweise die Frage, was Glück ist und was es mit Gemeinschaft zu tun hat. Aber auch die Frage nach den Grenzen einer perfekten Gesellschaft. Ich möchte nicht zu viel vorwegnehmen, daher gehe ich nicht ins Detail. Einige Passagen sind auch aus der Sicht von Yu geschrieben. Es hat mir gefallen, dass diese Textabschnitte ganz anders geschrieben sind als die von Robin. Am Schluss des Romans hatte ich das Gefühl, vieles mitgenommen und überdacht zu haben. Während draußen die Pandemie wütete, gab mir dieser Roman einen Raum der Reflexion und Entspannung und es hat mir gut getan ihn zu lesen. Eine Empfehlung für alle, die sich nicht scheuen, das Leben neu zu betrachten.

Lucinda Riley: Der verbotene Liebesbrief

In Lucinda Rileys Roman „Der verbotene Liebesbrief“ geht es um die Journalistin Joanna, die bei ihren Recherchen auf einen mysteriösen Liebesbrief stößt. Ich habe bereits viel von Lucinda Riley gelesen und sie zählt zu meinen Lieblingsautoren. Anders als bei der „sieben Schwestern“- Reihe steht bei diesem Roman nicht die Liebesgeschichte im Vordergrund und auch die historische Situation ist weniger relevant. Es geht hier vielmehr über persönliche Verwicklungen und dunkle Familiengeheimnisse, die sich über Jahrzehnte verbergen und nun hervorkommen. Der Roman war jedoch gerade deshalb etwas spannender als die anderen, da es wirklich vieles gab, was die Protagonistin nach und nach aufdeckte. Selbst in ihrem nahen Umfeld kommt es zu Überraschungen, die zeigen, dass sie niemandem trauen kann. Einige Rezensenten kritisieren den langatmigen Einstieg. Dieser Meinung kann ich mich anschließen. Die ersten hundert Seiten erschienen mir recht zäh, doch danach wurde es besser, da auch mehr passierte.
Alles in allem ist es ein gelungener Roman, der durch die fehlenden historischen Parallelgeschichten, die man von Riley gewohnt ist, etwas an Tiefe verliert, allerdings nicht an Unterhaltungswert.

Michael Cunningham: Ein wilder Schwan

Ich habe mich für Michael Cunninghams Märchensammlung „Ein wilder Schwan“ entschieden, da ich den Gedanken, Märchen für Erwachsenen zu erzählen, interessant fand und gespannt darauf war, wie er umgesetzt wird. Auf dem Klappentext stand bereits, die Märchen seien düster und sexy. Dies war nicht zu viel versprochen! Die Protagonisten der Märchen bleiben bestehen: Schneewittchen, die Hexe aus Hensel und Gretel, Rapunzel, Hans im Glück und viele mehr. Doch der Autor ergänzt sie um neue Charakterzüge. Der so glatte Prinz bei Schneewittchen erhält einen Fetisch, Rapunzels Prinz hat es ebenso nur auf ihr Haar abgesehen und die Hexe von Hänsel und Gretel ist eine alte Jungfer, die sich mit dem körperlichen Verfall nicht abfinden will. Vor allem diese Geschichte hat mich beeindruckt, da sie in der 2. Person Singular geschrieben ist und so eine völlig andere Atmosphäre entsteht. Man fühlt sich durch das DU angesprochen und erlebt die Geschichte intensiver mit.

Neben den skurrilen aber auch gruseligen sowie ironischen Geschichten, die alle unterschiedlich lang sind, enthält dieses Werk auch noch beeindruckende Bilder. Sie sehen aus wie Holzschnitte und stammen von der japanischen Künstlerin Yuko Shimizu. Ich habe unten einmal einen abgebildet. Diese Bilder finde ich sehr ausdrucksstark und runden den von Cunningham erschaffenen Eindruck noch ab.

Fazit: Zu sagen, dies sei ein Märchenbuch, wird dem Werk Michael Cunninghams nur ansatzweise gerecht. Er verwendet lediglich das Setting von Märchen, haucht den verstaubten Figuren allerdings neues Leben ein, beziehungsweise spürt analytisch ihre Neurosen und Psychosen auf. Wer auch Mut hat, diese hässlichen Seiten des Menschen zu betrachten, dem empfehle ich dieses Werk wärmstens!

Ferdinand von Schirach: Strafe

In den gesammelten Kurzgeschichten von Ferdinand von Schirach geht es wie bereits der Titel andeutet um Strafe. Meist erfolgt sie in Form von Rache aber einige der Protagonisten sind mit ihrem Leben gestraft. In den Geschichten geht es um die unterschiedlichsten Figuren, beispielsweise einen Mann, der sich nach der Trennung seiner Frau in eine Puppe verliebt oder auch die Rechtsanwältin, die ein westliches Leben führen will, der jedoch ihre konservative Familie im Wege steht. Die Geschichten beginnen zunächst mit einigen Informationen über die Figur, um daraufhin in extreme Wendungen umzuschlagen. Und genau dies ist es, was Schirachs Texte so spannend macht. Sie sind einerseits extrem nah am Leben dran – so ziemlich jeder könnte Protagonist in einem der Bücher sein – sie sind klar geschrieben ohne viele Metaphern oder komplizierte Sätze. Allerdings sind sie inhaltlich völlig unerwartet. Es macht Spaß, sich eine oder zwei Geschichten durchzulesen und ehe man sich versieht, hat man das ganze Buch durch.

Fazit: Auch Schirachs „Strafe“ trägt unverkennbar seine Handschrift. Die Geschichten lesen sich sehr gut und überraschen den Leser immer wieder aufs neue. Durch die Kürze, die Erzählweise und die breit aufgestellten Themen ist „Strafe“ auch perfekt als Einstiegslektüre für Lesemuffel geeignet.

Update zur Buchmesse und Rezension zu Jardine Libaire: Uns gehört die Nacht

Meine lieben Leser,

Ich melde mich nach einer kurzen Pause wieder bei euch. Die letzten beiden Monate waren voller Aktivitäten, denn ich habe einen neuen Job in einer Schule erhalten. Dort unterrichte ich nun Politik und Wirtschaft in drei Klassen. Doch wie alle Buchliebhaber wissen, werden die nächsten Wochen literarisch, da die Leipziger Buchmesse ab dem 21.3. stattfinden wird. Ich werde den Freitag auf der Messe verbringen, wo ich Lesungen von Katrine Engberg, Ingrid Noll, Niklas Natt och Dag  und Bernhard Hennen besuchen möchte. Mich würde interessieren, wer von euch auch kommen wird und ob ihr noch Tipps für Events oder Lesungen habt.

Ich habe letzte Woche den Roman „Uns gehört die Nacht von Jardine Libaire“ gelesen. Ich hatte ihn bereits letzten Herbst schon „angebrochen“, doch damals war irgendwie der falsche Zeitpunkt dafür. Nun habe ich es erneut versucht und festgestellt, dass ich selten ein Buch so hin und hergerissen beendet habe. Meine Gefühle beim Lesen reichten von „es nervt mich so sehr“ bis hin zu „das ist aber literarisch und ästhetisch“.

Inhalt: 

In dem Roman geht es um Elise und Jamie, die ungleicher nicht sein könnten. Elise kommt aus einer armen Familie, sie hat einen Migrationshintergrund und wurde schon von frühster Kindheit an mit Gewalt und Ausgrenzung konfrontiert. Jamie hingegen führt ein privilegiertes Leben und studiert in Yale. Sein Vater ist ein erfolgreicher Unternehmer, seine Mutter eine Schauspielerin. Die beiden beginnen eine erotische Liebesbeziehung, die immer wieder durch die gesellschaftlichen Unterschiede in Gefahr ist.

Mein Eindruck:
Dieses Buch ist vor allem eines: vollgestopft. Die Autorin verwendet Adjektive so inflationär, das wirklich nichts davor sicher ist detailliert oder sogar mithilfe von Metaphern beschrieben zu werden. Dies war für mich als Leser eine extreme Überforderung. Zum einen konnte ich kaum filtern, was nun wichtig ist und was nicht. zum anderen ging Libaines Detailverliebtheit so weit, dass ich als Leser dachte: „Das möchte ich gar nicht wissen.“ Ein treffendes Beispiel dazu findet man auf S. 235, wo eine wenig bedeutende Nebenfigur auf fast einer ganzen Seite beschrieben wird:

„Selbst das Hausmädchen, das seine von Hämorriden blutigen Laken bleichen muss, schwärmt für ihn.“ (S. 235)

Meiner Meinung nach ist das ein Detail, auf das man gerne hätte verzichten können. An einer anderen Stelle wird James Tante mit einem Silberlöffel verglichen, der in einer Karaffe rührt. Doch ich will keineswegs sagen, dass die Autorin die Beschreibungen nicht auch manchmal geschickt einsetzt, so dass sie geradezu poetisch erscheinen:

„Eine Dinnerparty ist das älteste Experiment. Man sperrt eine Handvoll Menschen in ein Zimmer. Gesichter wie gemalte Monde, die auf- und untergehen, während von Osten Gespräche heranwehen.“ ( S. 208)

Neben dieser Auffälligkeit gab es noch andere Elemente, die mich störten. Sei es die das Klischee armes Mädchen reicher Junge, das gepaart mit den vielen Sexszenen an “ 50 Shades of Grey“ für Intellektuelle erinnerte. Oder auch, dass die Reichen selbstverständlich die Bösen ohne Charakter sind. Alle diese Vorstellungen und Bilder sind nichts neues. Die Charaktere waren mir beide nicht unsympathisch und ihr Kampf ums Überleben in der Gesellschaft wirkt authentisch.  Der Leser ist immer dabei, egal was die beiden machen, selbst wenn sie nur herumsitzen und Kaffee trinken.

Fazit:

Obwohl mich das Buch an manchen Stellen geradezu aggressiv machte – was vielleicht auch von der Autorin gewollt ist – konnte ich es einfach nicht abbrechen. Zum einen konnte die sehr abwechslungsreiche Sprache überzeugen, da die Autorin sich auf dem Spektrum zwischen vulgär und poetisch allen Stilen nähern kann. Zum anderen wurde es im letzten viertel noch einmal richtig spannend, so dass ich mich am Ende doch  gut unterhalten fühlte.  Den Roman kann ich jedem empfehlen, der gerne dramatische Liebesgeschichten liest und dem Genre „Erotik“ nicht abgeneigt ist.

 

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